Mittwoch, 18. September 2013

Suchspiel


Sherlock Holmes hat einmal gesagt: „Wenn man alle Möglichkeiten ausgeschlossen hat, so muss das Unmögliche, so unwahrscheinlich es klingt, die Lösung sein.“ 
Der Mann weiß gar nicht, wie recht er hatte!

Vor ein paar Tagen entdeckte meine heißgeliebte Ehefrau im Badezimmer Lücken in den Fugen, was angesichts des fortgeschrittenen Alters unseres Regenzimmers auch kein Wunder ist. Die Lösung unseres kleinen handwerklichen Problems hieß Silikon, weshalb wir kurzerhand den Baustoffhändler unseres Vertrauens aufsuchten und mit einer Tube Silikon ins Bad zurückkehrten. Meine Frau ist in handwerklichen Dingen um Längen geschickter als ich, und daher nahm sie das Heft in die Hand und beauftragte ihren Göttergatten, die zur Bewältigung der Aufgabe nötigen Utensilien bereitzustellen. Das merkwürdige Gerät, vermittels dessen der Tubeninhalt in die Fuge gepresst wird, war schnell gefunden und bereitgestellt. Auch einige Rollen Küchenpapier und eine klein Schale Spülwasser sowie Kreppband waren schnell zur Hand. Allerdings verlangte meine Frau auch noch nach einer Schachtel mit Silikonabziehern. Das sind, sagen wir mal, Spachtel, mit denen die gelartige Masse in Form und Fuge gebracht werden kann, um sich nicht die Finger schmutzig machen zu müssen. 
Ich wusste sehr genau, dass wir im Besitz einer solch genialen plastilinen Erfindung sind, aber leider überhaupt nicht mehr, wo ich selbige deponiert hatte. Nun halten sich handelsübliche Werkzeuge in einem durchschnittlichen Haushalt meist im Keller auf, folgerichtig begann ich die Suche also in den dunklen Katakomben unseres eigenen Kellers. Mit Taschenlampe, langen Fingern und viel Hoffnung durchsuchte ich gründlich mehrere Meter Regal, etwa ein Dutzend Kisten und Kartons und mehr Ecken, als man gemeinhin in einem solchen Raum vermuten würde. Ich fand einige Dinge, die ich vor langer Zeit einmal dringend gebraucht hätte, wenn ich sie damals gefunden hätte, irrsinnig viele Sachen, deren Betrachtung mich in Erinnerungen an längst vergangene Zeiten schwelgen ließen, und erstaunlich viele Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass wir so was haben. Einen gewichtigen Teil meiner Beute brachte ich schwitzend und stolz ans Tageslicht, was mir allerdings den durchaus berechtigten Unmut meiner Fugenmeisterin einbrachte, denn das so dringend benötigte und so verzweifelt gesuchte Utensil war nicht dabei. Die Beute wanderte zu meinem großen Bedauern wieder in den dunklen Keller...
Nach diesem wahrscheinlichsten Aufenthaltsort der Spachtel durchsuchte ich weitere Orte, an denen ich mit einiger Berechtigung fündig zu werden hoffte. Zunächst durchsuchte ich die Laube, in der sich für gewöhnlich allerlei mit verschiedenen Gewerken in Verbindung stehende Gegenstände befinden, dann Dachboden, Küche, Wohnzimmer und sogar Badezimmer. Als alle Möglichkeiten, das ersehnte Werkzeug zu finden, erschöpft waren, besann ich mich der eingangs erwähnten Worte des Meisterdetektivs aus der Bakerstreet. Es war eigentlich völlig unmöglich, ausgeschlossen, dass eine Durchsuchung auch nur eines Kinderzimmers Erfolg haben könnte. Was sollten die Kinder denn auch mit diesen Spachteln? Außerdem habe ich die Dinger noch nie auch nur in der Nähe der Kinderzimmer gesehen. Andererseits hat lieb Töchterchen da so ein ganz spezielles Hobby...
Wie der geneigte Leser bereits weiß, sammelt Madam Dasbrauchichaber grundsätzlich alles ein, was sich auch nur ansatzweise in der Reichweite ihrer unzähligen Tentakeln wagt. Glücklicherweise befindet sich die Privatsphäre unseres Nesthäkchens noch in der Entwicklungsphase und beschränkt sich bis dato noch beinahe ausschließlich auf das Badezimmer. So hatte ich dann auch nur wenig Bedenken, ihr Refugium dezent, aber dennoch bis in die letzte Ecke gründlich zu durchsuchen. Also forschte ich in der üblichen Anzahl von Schränken und Kommoden, aber auch dahinter, dann unter dem Bett und in ungefähr siebenundneunzig Taschen, Beuteln und weiteren tragbaren Behältnissen unterschiedlichster Machart und Größe. Was ich fand, waren unzählige Haargummis, Heerscharen von Stofftieren, Armeen aus Legosteinen, Unmengen von Mützen, Fluten von Schals, Halstüchern, Handschuhen und Strümpfen, aber nicht einmal ansatzweise etwas, was auch nur im Entferntesten Ähnlichkeit mit den gesuchten Spachteln hätte.
Meiner handwerkelnden Ehefrau blieb nun nichts anderes übrig, als das Silikon mit den bloßen, zarten Fingern zu verarbeiten, während ich zähneknirschend ob meiner erfolglosen Suche stumm daneben stand und Werkzeug, Lappen und Spülwasser anreichte.
Sherlock Holmes hatte wohl doch nicht recht. Aber wahrscheinlich greift hier auch ein ganz anderes Gesetz:
Das, was du gerade jetzt dringend brauchst, wirst du erst finden, 
wenn du eher schlechten als rechten Ersatz geschaffen hast und (und das ist wichtig!) 
du etwas völlig anderes, wahnsinnig wichtiges suchst... 
aber nicht findest.

„Suchet, so werdet ihr finden,“ sagt die Bibel. Das eine muss aber nichts mit dem anderen zu tun haben.



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