Freitag, 2. November 2012

Heiße Kartoffel im Mund?

Die heiße Kartoffel im Mund sagt man ja den Dänen nach, wenn man ihnen zuhört. Na ja, das ist immerhin eine Abwechslung zum dänischen Nationalgericht Hot Dog. Die Speisekarte ist also eher kurz geraten, ganz im Gegensatz zu den Franzosen, wo zur ewig langen Speisekarte noch der unvergleichliche Klang hinzukommt, wenn der Ober (garçon) die Speisenfolge vorliest. Das klingt dann wie ein lustvolles Versprechen auf stundenlangen beiderseitigen Hormonaustausch. 
Wie bin ich jetzt darauf gekommen? Ach ja, Kartoffeln und Hot Dogs! 
Unsere Kinder haben das besondere Vergnügen und die große Chance, zweisprachig aufzuwachsen. 
Hier im Haus versuchen die Eltern verzweifelt, ihren Sprößlingen in Deutsch klarzumachen, was wir wollen, im Kindergarten (børnehave) dagegen lernen sie, die Kindergärtnerinnen auf Dänisch irre zu machen. Und natürlich versuchen wir Eltern unser Bestes, mit dem Dänisch der Kinder mitzuhalten, schon allein, um sie zu verstehen, wenn sie vom børnehave erzählen. Aber auch die Redewendungen des täglichen Bedarfs wie Hunger, Trinken, Essen, "WILL NICHT!" und ähnliches klappen nun schon sehr gut zweisprachig in schönstem Deutsch-Dänischem Kauderwelsch. 
Irrungen und Wirrungen gibt es aber regelmäßig, weil sich unser dänisches Vokabular von dem der Kinder doch recht stark unterscheidet. Wir Eltern lernen unsere Wörter und Sätze anhand eines Lehrbuches und mit Hilfe des einen oder anderen Dänisch-Kurses, der bei uns angeboten wird. Schönstes, ordentliches "Hochdänisch", also. Während unsere Kinder ihren Wortschatz aus dem täglichen Drama beziehen, das um sie herum passiert. Und da gibt es eben weniger "Ich heiße Sören!" oder "Ich wohne in Kopenhagen" in der jeweiligen dänischen Übersetzung, sondern eher solche Sätze wie "Du bist mein Freund!", wenn es gut läuft, oder "A***loch!", wenn es mal nicht so gut läuft. 
Heute Abend überraschte uns mein Sohn beim Abendessen mit der Feststellung "Dette er et skib!", was für unseren dänischen Sprachschatz nicht allzu schwierig war. Wohl aber für unsere Fantasie, denn was er da als Schiff (skib) bezeichnete, stellte sich als eine bizarr zerbissene Scheibe Gouda heraus. Diesen Satz in seiner Bedeutung zu begreifen, war nicht allzu schwer für uns, denn erstens kennen meine beste Ehefrau und ich die grammatikalischen Regeln, die diesem Satz zugrunde liegen, zweitens kennen wir 75% der benutzten Worte und drittens konnten wir uns die restlichen 25% anhand des Klangs zusammen reimen: "Das ist ein Schiff!" Womit unser Sohn auf einer eher ideellen, fantastischen Ebene durchaus Recht gehabt haben könnte, wenn auch das Werk, auf das sich seine Aussage bezog,  ein Fahrstuhl, ein Auto, ein Pferd in ungewöhnlicher Haltung oder eine Schreibmaschine hätte sein können.
Viel mehr Schwierigkeiten hatten wir mit einer Redensart, mit der unser Sohn neuerdings beinahe jeden Satz einleitet: "Widuwell..."
"Widuwell, da ist eine Feuerwehr!"
"Widuwell, im børnehave waren wir tour!" (Anm. d. Red.: på tour, Dän. = Spaziergang)
"Widuwell, ich war schon ganz müde." 

Auf "Widuwell" konnten wir  uns weder vom Klangbild, noch vom Zusammenhang einen Reim machen. Duvel ist ein belgisches Bier, aber das hat mit unserem Sohn nichts zu tun. Man hätte vielleicht auch argumentieren können: 

Duvel = dialektischer Ausdruck für Teufel
mithin also: Widuwell = Weiß der Teufel! 

Aber all unsere Interpretationsversuche verliefen im Sande. Bis ich mich in meiner Verzweiflung einer kindlichen Eigenart erinnterte: Früher oder später beginnt jedes Kind all seine Sätze mit "Weißt du, was?" Und das war des Pudels Kern, wie es faustischer nicht hätte sein können. 

Habe nun, ach! Deutsch,
Dänisch und Russisch,
Und leider auch Englisch
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor...

Aber nein! Wir waren nun tatsächlich klüger! Was unser Sohn da sagte, war: "Ved du hvad...",
was dann heißt "weißt du, was..."
Und das bringt uns wieder zurück zur Speisekarte. Die heiße Kartoffel haben die Dänen beim Sprechen wirklich im Mund, und so hört sich der dänische Satz mit all den Ungenauigkeiten eines geübten Sprechers eben an wie "Widuwell".

Wir haben noch viel zu lernen!

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