Mittwoch, 17. Juni 2015

Schlaf wird überbewertet!

Regelmäßige Arbeitszeiten von morgens um sieben bis nachmittags um vier sind ja was für Weicheier. Echte Helden arbeiten 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und natürlich auch an Sonn- und Feiertagen.
Der Vorteil der Schichtarbeit ist, dass man zuhause ist, wenn alle anderen arbeiten, und zumindest gefühlt wesentlich mehr Zeit mit der Familie verbringen kann.
Der Nachteil ist aber, dass man zu Zeiten schlafen will (oder muss), an denen der Rest der Welt hellwach und voller Tatendrang ist. 

Die Nacht war dunkel, lang und streckenweise ziemlich arbeitsreich. Und dann war es auch noch die erste Nachtschicht nach einer wochenlangen Phase der Arbeit zu halbwegs „normalen“ Arbeitszeiten. Nicht, dass das einen Unterschied gemacht hätte, aber dementsprechend müde und zerschlagen war ich, als ich kurz nach dem ersten Hahnenschrei die heiligen Werkhallen meines Arbeitgebers verließ und gen Heimat wankte. Glücklicherweise kennt mein treues Gefährt dem Heimweg schon auswendig, sodass ich nicht unbedingt auf gleich zwei funktionsfähige Sehwerkzeuge angewiesen war. Ein sorgfältig abgestimmtes Zusammenspiel aus jahrelanger Erfahrung, einem Dutzend Schrecksekunden und einigen empörten Hupkonzerten sowie einer Spur lauter Radiomusik brachte mich wohlbehalten an Leib und dem bisschen Seele in die fürsorglichen Arme meiner heiß geliebten Ehefrau, wo ich umgehend einzuschlafen gedachte. Es war mir nicht gegönnt. Sie rüttelte mich ein wenig, und im Halbschlaf verabschiedete ich meine Kinder in die staatlichen Lehr- und Erziehungseinrichtungen, entledigte mich meiner Berufskleidung und ließ mich von Frauchen ins heimische Schlafgemach schleppen.
Es überrascht mich ja immer wieder, wie gemütlich und warm es unter so einer Bettdecke werden kann. Kaum hatte ich eine angenehme, größtenteils horizontale Haltung eingenommen, griffen auch schon Morpheus' zarte Arme nach mir, um mich ins Land der Träume zu geleiten. Wo ich mich sicher auch sehr wohl gefühlt hätte, wäre nicht eine arbeitsame Seele irgendwo in der Nähe des Hauses auf die brillante Idee gekommen, gerade jetzt den Benzinrasenmäher über die Wiese zu treiben. Ich vergrub meinen Kopf unter dem Kopfkissen, ignorierte die angesichts des verminderten Atemluftzustroms eintretenden Erstickungsängste und suchte nach Morpheus. Oder wenigstens nach seinen Armen.
Es war warm, gemütlich, und ich war doch schon viel zu lange wach… Morpheus lächelte mich gütig an und flüsterte: „Folge mir.“ Wohin auch immer er mich führen wollte, es hätte mir sicher gefallen. Aber einige dringend nötige Ausbesserungsarbeiten an der Straße vor dem Haus machten den hingebungsvollen und lautstarken Einsatz eines Presslufthammers unumgänglich. Das galt auch für den kleinen Bagger, den Laster und eine kleine Heerschar schreiender Bauarbeiter. War also wieder nix mit Schlaf… Morpheus wurde nun auch schon langsam ein wenig ungeduldig. Ich wünschte mir, ich könnte mein Gehör einfach abschalten. Aber einen solchen Schalter hatte Mutter Natur evolutionär bisher nicht vorgesehen. Nun, Mutter Natur nicht, aber der Mensch schon!
Auf meinem Nachttisch liegen für solche unvorhersehbaren Fälle grundsätzlich einige Paare Gehörschutzstopfen in dezentem quietschgelb, damit ich ungestört schlafen könne.
Ich stopfte mir je ein Exemplar der tauben Stopfen rechts und links in die Ohren, und schon verstummte aller Lärm. Morpheus Arme umfingen mich und gaben mich auch nicht wieder her. Gartenarbeiten, hupende Autos, Baulärm, Flugzeuge - die gesamte Geräuschkulisse eines vollkommen normalen Arbeitstages in einer mittleren Stadt glitt wirkungslos an meinen hermetisch verschlossenen Gehörgängen ab. Sogar meine Trommelfälle erschlafften! Ich versank noch tiefer in Daunen und Federn, und alsbald fand ich mich an einem weißen, warmen Traumstrand irgendwo zwischen Nassau und Tortuga wieder. Die warme Sonne spiegelte sich im türkisen Wasser der Karibik, ein laues Lüftchen spielte lustig mit meinem Lendenschurz. Glückselig ließ ich meinen Blick schweifen über Palmen und Dschungel, über meine luxuriöse Strandvilla mit Segelyacht, hinaus in die malerische Bucht. Und aus den klaren, warmen Fluten entstieg wie einst die Venus von Milo eine wunderbare Schönheit. Das Wasser perlte glitzernd an ihren zarten Rundungen ab, um mein Frauchen lächelte mich höchst verführerisch an, öffnete ihre zarten Lippen und hauchte: 
„POCK! POCK! POCK!“ Mein Lächeln gefror im Gesicht: „Was?“ „BAMM! BAMM! BAMM! BÄMM!“

Der blaue Himmel bekam Risse! Das Wasser verdampfte zischend! Der Strand löste sich auf, und der Dschungel brach dröhnend und polternd zusammen! Meine schönste Meerjungfrau schmolz dahin und verging im dampfenden Ozean!
Erschrocken öffnete ich meine Augen, blinzelte ein wenig und fragte mich, was, auf allen sieben Weltmeeren, mich da eigentlich geweckt hatte. Die Antwort erfolgte unmittelbar.
Vor dem Schlafzimmer trommelten Barbaren und tanzten wilde Derwische. Elefanten sprangen auf und ab und eine Herde Nilpferde übte sich im Sackhüpfen! Boden und Wände dröhnten und schepperten! Ganz offensichtlich befand ich mich im Epizentrum eines ebenso epischen wie verheerenden Erdbebens! Panisch sprang ich aus der Horizontalen und ohne Umweg direkt in Schlüpfer, Jogginghose und Pantoffeln, schnappte mir Brille und T-Shirt und stürzte aus der Tür! 
Im Flur vor der Tür starrten mich Prinz Haudrauf und Lady Trommelwirbel ein wenig verwundert an, als ich halb bekleidet und komplett verwirrt so plötzlich und unerwartet aus dem Schlafzimmer kam. Im selben Augenblick, da meine Sprösslinge reglos vor mir standen und mich anstarrten wie das achte Weldwunder, endete abrupt das Erdbeben. Aus den Tiefen des verlängerten Rückens krabbelte eine dunkle Ahnung empor Richtung Hirn und hinterließ eine Spur tiefer, eiskalter Gänsehaut. 

„Was macht ihr hier?“
„Wir spielen Zoo!“ trompetete Lord Trampeltier.
„Ganz leise!“ krähte Miss Trommelkönigin.
Was will man dazu noch sagen? Ich entschloss mich zu eisigem Schweigen, machte mir einen mentale Notiz, meiner Brut bei Gelegenheit noch einmal die Unterschiede zwischen „laut“ und „leise“ einzubläuen, und gab mein Vorhaben, einmal richtig auszuschlafen, wortlos auf. Statt dessen machte ich mich auf die Suche nach einem wirklich starken Kaffee. Und er sollte groß sein.

Gehörschutzstopfen sind in gewisser Hinsicht wie Kondome. Sie schützen zuverlässig, aber nicht wirklich hundertprozentig. Gegen den infernalischen Lärm, den zwei leise(!) spielende Kinder entfesseln, sind auch sie einfach machtlos. Und wenn ich dann schon mal wach bin, kann ich ja auch gleich was schreiben. Schlaf wird ja sowieso überbewertet.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen