Freitag, 28. Juni 2013

„Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fußballtor...“

Das ist so ziemlich alles, was ich über das Spiel mit der Lederkugel weiß. Abgesehen natürlich von einigen Standardsätzen  die auch einem Komplett-Laien im Fachgebiet Fußball bekannt sind:
  • Der Ball ist rund und ein Spiel dauert neunzig Minuten.
  • Abseits ist, wenn der Schiri pfeift.
  • Emotional habe ich ein gutes Gefühl.

Daher war mein erster Besuch eines Endspiels ein geradezu wahnsinnig spannendes Abenteuer für mich. Nun gut, es war nun nicht gerade ein Fußballendspiel auf internationalem Niveau, bei dem zwei meisterhafte, berühmte und beliebte Mannschaften aufeinander trafen. Es gab auch keine 70000 Zuschauer, sondern eher so drei Nullen weniger. Es war vielmehr ein Spiel zwischen zwei Mannschaften, deren Mitglieder den Ball eigentlich nur zum Spaß, nebenbei und nicht hauptberuflich über das Grün treten. Trotzdem gab es einen Pokal zu gewinnen, und nebenbei natürlich auch ein wenig Ruhm und Gloria.
Pokal der Begierde,
leicht unscharf... 
Einige der hoffnungsvollen Endspieler waren und sind mir persönlich bekannt. Grund genug für mich, mich in eine vollkommen unbekannte Welt zu stürzen und diesem denkwürdigen sportlichen Ereignis beizuwohnen. 
Obwohl hier zwei doch eher dem lokalen Bereich zuzuordnende Mannschaften gegeneinander antraten, fand ich in der Arena doch alles, was zu einem zünftigen Fußballspiel so gehört: Würstchenbude, Bierpilz, eine Tribüne, auf der ein ganzer Haufen Kommentatoren, Fußballexperten und Profitrainer Platz nahm, einige Reporter und sogar mindestens zweiundzwanzig Menschen, deren äußeres Erscheinungsbild darauf schließen ließ, dass es sich dabei um die beiden Mannschaften handeln könnte. Und ich hatte Recht, denn alsbald stellten sich die Mannschaften auf den Rasen, offensichtlich in einer gewissen Ordnung, deren Sinn zu erkennen ich aber in meiner grenzenlosen Unwissenheit nicht in der Lage war. Für mich sah das ganze aus wie Rasenschach. Ein netter, leicht rundlicher Herr in dunkler Garderobe pfiff munter auf seiner Pfeife, und schon rannte ein Haufen mehr oder weniger sportlicher Männer hektisch über den Rasen und trat nach einem unschuldigen kleinen Ball. Der Profi mochte bei all dem Treiben Taktiken und Spielzüge erkennen, ich... nicht. Der offensichtliche Sinn all des Rennens und Tretens war mir natürlich klar; im Grunde ging es eben darum, das Runde in das Eckige zu schießen. Aber die Feinheiten darüber hinaus entgingen mir völlig. Ich begriff aber sehr früh, dass so ein Fußballspiel nicht nur durch der Füße eilige Arbeit gewonnen wird. Das ist der eigentlich kleinere Teil. Der weitaus größte Teil des Spieles besteht aus Schreien. Die Spieler schreien sich diverse Namen zu, oft unterstützt durch frenetisches Winken, die Trainer brüllen andere Namen, stoßen lauthals Verwünschungen und Befehle aus und deuten dabei mit den Armen in alle Himmelsrichtungen, und die Zuschauer auf der Tribüne wissen natürlich alles besser und schreien es wechselweise den Spieler auf dem Rasen, den Trainern am Spielfeldrand oder dem hinterher hastenden Schiedsrichter entgegen. Mein persönlicher Favorit des Tages war: „VERNASCH IHN DOCH!“ Allerdings kam ich nicht dahinter, was der Rufer damit sagen wollte. Und wem...Interessant war aber nicht nur das Geschehen auf dem Spielfeld, sondern auch jenes unter den Zuschauern. Das Endspiel, dessen Gast ich die Ehre hatte zu sein, zog auch einige ehrenvoll im Pulverdampf ergraute Altherren an, die das jugendliche Treiben auf dem Grün fachmännisch betrachteten. Wie das eben bei älteren Menschen so ist, fällt die aufrechte Fortbewegung nicht mehr ganz so einfach, wie vor vielen Jahren, als man den jungen Hüpfern hier noch mit Leichtigkeit davongesprungen wäre. Langsam und bedächtig setzten sich die Graurücken an die Biertische und begannen die in diesen Fällen übliche Unterhaltung über Rücken, Arthrose, ärztliche Inkompetenz und die Rangliste der besten Chirurgen im örtlichen Krankenhaus, das ganze gewürzt mit arthritischem Keuchen, Ächzen und Stöhnen. Nebenbei wurden mit Kennermiene die Spielzüge der „jungen Garde“ auf dem Spielfeld kommentiert und bewertet, nach dem Motto „Früher was alles besser.“ 
Und dann wurde ich Zeuge einer unglaublichen Verwandlung, und das nicht nur einmal sondern gleich mehrere Male!Sobald nämlich der Ball über die Spielfeldbegrenzung hinaus einem Teilnehmer des Seniorentreffs vor die Füße trudelte, verwandelte sich jener in einen jungen Maradonna! Mit einem erstaunlich agilen Satz sprang Opa Hinkefuß von der Bierbank, trippelte leichtfüßig den Ball Richtung Spielfeld, drehte sich um die eigene Achse und bolzte die Pille mit einem Gewaltschuss einem sichtlich überraschten Jungspieler in die Arme, der eigentlich nur herausgekommen war, um den Ball von den „Großen“ zurückzubetteln. Die Arme gen Himmel, der Welt das Victory-Zeichen ins verblüffte Gesicht gestreckt, tänzelte der Meisterschütze zu seinen Bewunderern zurück, die im anerkennend auf die Schultern klopften, aber bitte nicht zu fest, ihr wisst schon, der Rücken... Und so oder ähnlich ging es jedem Fußballveteran, der einen Ball vor die Füße bekam. Wenn jemals wieder jemand den Jungbrunnen suchen sollte, ich habe ihn gefunden. Werft einer Gruppe von Greisen einen Ball vor die Füße, und sie beginnen sofort, zu laufen und zu springen, als wären sie wieder achtzehn. Was für ein verblüffender Effekt! 
Nach neunzig Minuten, in denen zwei Mannschaften sich permanent um den Ballbesitz gestritten, sich einige Fußballveteranen ihre zwei Minuten Ruhm und dringende Arzttermine erspielt hatten und ein großer Teil der Tribünenmannschaft sich heiser gebrüllt hatte, war das Spiel zu Ende. Allerdings hatte sich keine der Mannschaften zu genug Toren durchringen können, um einen eindeutigen Sieger festzustellen. Eine neue Losung wurde ausgegeben, und die hieß „Verlängerung“. Bisher kannte ich diesen Begriff nur aus der unsäglichen Email-Werbung, in denen Frauen überirdisches Glück versprochen wurde, würden sich ihre Männer einer spezifischen Verlängerung hingeben. Das war hier aber ganz und gar nicht gemeint. Viel eher ging es darum, eine Entscheidung hinsichtlich des Siegers herbeizuführen. Immerhin hatte man nur einen einzigen Pokal vorbereitet, also konnte es keine zwei Sieger geben. Was hätte man denn dem zweiten Sieger in die Hand drücken können?Dreißig weitere Minuten wurden also den Mannschaften gegönnt, um der Gelegenheit zum Sieg Raum zu geben. Unglückseligerweise nahm die gegnerische Mannschaft diese Gelegenheit wahr und überwand den heimischen Torwart oft genug, um Sieg und Pokal davonzutragen.Na gut, dann eben beim nächsten Mal. Vielleicht habe ich bis dahin die Gelegenheit, wenigstens die Grundzüge des gemeinen Fußballspiels soweit zu begreifen, dass ich mit einem Hauch Sachverstand dem Geschehen beim Rasenschach folgen kann.
Und irgendwann bin vielleicht ich es, der zum Fußballfeld humpelt, seine Krücken an den Biertisch lehnt, sich ein Bier und ein Würstchen mit Senf bestellt und dann mit Effet die Pille zwischen Pfosten und Torwart in die Ecke ballert.

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