Dienstag, 11. Juni 2013

Wie bei Muttern…


Kennen Sie eigentlich Lucius Licinius Lucullus? Das war ein römischer Senator und Feldherr, der um das Jahr 74 v.Chr. (also wahnsinnig lange her) auch Konsul war. Er war sicherlich nicht so bedeutend wie beispielsweise Gaius Julius Cäsar (Richtig, das war der aus den Asterix-Comics…) oder Pontius Pilatus (bekannt durch seine Manie, sich permanent die Hände zu waschen). Trotzdem hat dieser Mann Spuren hinterlassen, die wir auch in unserer modernen Welt noch sehen können.
 
Meine Mutter jedenfalls hatte sich, vielleicht unwissentlich, vielleicht mit Absicht, jenen Lucullus offenbar zum Vorbild genommen, als wir vor einigen Tagen einen längst überfälligen Familienbesuch unternommen hatten.
Wie es die Natur für die Mütter in aller Welt festgelegt hat, glaubt auch meine liebe Mutter unerschütterlich daran, dass ihr Sohn draußen in der Fremde (also alles ab Haustür!) bitterlich verhungern muss, ungeachtet einer eigentlich lückenlosen Versorgung mit Nahrungsmitteln aller Art sowohl im inzwischen erfolgreich eingerichteten eigenen Heim samt Nachwuchs und des Kochens kundiger Ehefrau als auch in der Fremde eines von zuhause viel zu weit entfernten Landstriches.
Folglich wird, wenn der verlorene Sohn endlich mal wieder den heimatlichen Hafen anläuft, alles aufgefahren, was Küche und Keller zu bieten haben. Außerdem ist es völlig unmöglich, dass Sohnemann auch „da draußen“ sein Lieblingsessen bekommt. Und in diesem Falle hat sie nun wirklich recht, den nur Mamas Lasagne schmeckt wie Mamas Lasagne. Ja, und dann gilt ja auch das uralte Naturgesetz, nach dem es nur zuhause schmecken kann wie bei Muttern.
Da man an den Naturgesetzen nichts ändern kann und ich im Übrigen in diesem speziellen Fall auch gar nichts ändern will, dauerte es nicht lange, bis der ewig hungernde Sohn mit kugelrundem Waschtrommelbauch auf dem knarzenden Stuhl saß. Mit einer solchen Beule vor dem Leib kann man natürlich nicht mehr wirklich viel tun, außer der Sitzlandschaft im Wohnzimmer ein weiteres, tiefes Tal hinzuzufügen und dem  Magen einen Verdauungsschnaps zuzuführen, der mit Schippe und Hacke runtergeht und unterwegs keine Gefangenen macht. Das ist zwar aus medizinischer Sicht ziemlicher Humbug, weil der in den für gewöhnlich konsumierten Schnäpsen enthaltene Alkohol für die Verdauung mal so rein gar nichts tun kann, tut aber trotzdem ungemein gut.
Ist das Mittagessen nach einem mehrstündigen Verdauungsschläfchen verarbeitet und der Bauch auf einen erträglichen Umfang geschrumpft, fühlt man sich bereit, den weiteren Attraktionen, die der Familienbesuch zu bieten hat, die Stirn zu bieten.
Wenn ein Teil der Familie eine Tagesreise entfernt ist, gibt es natürlich reichlich zu erzählen, zu zeigen und zu bewundern. So werden die landschaftlichen Veränderungen des Wohnortes vorgeführt, besprochen und bewertet, allerlei Neuanschaffungen aus den Bereichen Heim und Garten, Haute Couture und Handwerkerbedarf präsentiert, der neuste Klatsch geteilt und so weiter und so fort.  Das strengt natürlich ein wenig an und macht hungrig. Kaum hat man das Mittagessen erfolgreich aus dem Magen in weitere Verdauungsapparate transferiert, ergeht der mütterliche Befehl, den Tisch für das Abendbrot vorzubereiten. Und was da nicht alles aufgefahren wird! Aufschnitt in vielerlei Varianten, ein gutes Dutzend verschiedener Käsesorten, Brot, Brötchen, Toast, Butter und Margarine, gekochte Eier, Tomaten, Gurken und Senf, und das alles in rauen Mengen. Obwohl maximal sechs Mägen zu befüllen sind, reicht die dargebotene Vielfalt aus, a) die Tischplatte Richtung Erdboden wandern zu lassen und b) eine Heerschar hungriger Mäuler zu stopfen. Der bereits vom üppigen Mittagsmahl bis aufs äußerste gedehnte Magen nimmt die Fülle bereitwillig auf, der Bauch balloniert ein weiteres Mal genüsslich vor sich hin, bis endlich auch die letzte Käseplatte leer Richtung Küche wandert. Jetzt endlich ist der Bauch wegen Überfüllung geschlossen und der Verdauungsschnaps verwandelt sich irgendwo zwischen Giftschrank und Tisch in einen blutroten Wein, dessen fruchtige Schwere sich im ganzen Körper ausbreitet. Solchermaßen vollends zur Bewegungslosigkeit verdammt liege ich im urgemütlichen Sessel und warte darauf, dass der Verdauungstrakt seine Arbeit macht und ich mich irgendwann später wenigstens erheben kann, um ins Bett zu gehen.  
In diesem Stile geht es die ganze Zeit des Familienbesuches weiter. Der Stuhl am Esstisch knarzt nach jeder Mahlzeit ein bisschen lauter, das Gehen fällt mitunter ein bisschen schwerer und die Zeiten, die man auf dem Rund des Porzellans verbringt, werden auch immer länger.
Wenn der Familienbesuch nach Tagen der Völlerei viel zu schnell vorbei ist, wird es sogar in unserem Familienlaster langsam eng. Denn nicht nur ich habe mich der Völlerei hingegeben, auch mein Frauchen hat das reiche Essen genossen. Und unsere Kinder haben sich als ausgesprochen talentierte Buffet-Fräsen bewiesen. So sitzen wir zu viert in den weichen Polstern und tragen ein jeder sein Bäuchlein stolz vor sich her.
Wo ist nun Lucius Licinius Lucullus geblieben? Wir finden ihn in unserer Sprache, denn neben vielem anderen war der Besuch bei Muttern (und Vatern! Wir wollen dich nicht vergessen!) auch ein lukullisches Erlebnis erster Güte.
Der Name eines Genießers, der in längst vergangenen Zeiten mal Konsul war, ging in unsere Sprache ein, weil Lucius zu seinen Zeiten berühmt war für seine unglaublichen und hochgelobten Gastmähler.
Zuhause schmeckt es eben immer am besten!

P.S.: Was mir gerade aufgefallen ist: Auf dem Heimweg, also nach der deutlichen Gewichtszunahme, haben wir deutlich weniger Pausen gemacht, als auf dem Weg zu Muttern. Woran lag das? Es lag daran, dass wir gar nicht aus den Polstern kamen! Unsere Bäuche waren einfach noch zu voll…

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