Donnerstag, 7. August 2014

Meteorologie

Allein das Wort ist schon irgendwie faszinierend. Bis man es aussprechen kann, hat man sich die Zunge komplett verknotet, und um sie zu begreifen, muss man mindestens mal drei Jahre lang die Schulbank auf der Universität drücken und darf auch nicht ganz ahnungslos in zahllosen naturwissenschaftlichen Bereichen sein. Ein bisschen Erfahrung mit Wolken, Wind und Thermometer wäre auch ganz hilfreich.
Trotzdem gehört zu einer ordentlichen Wettervorhersage nicht nur ein profundes naturwissenschaftliches und insbesondere meteorologisches Wissen, sondern auch ein Quäntchen Glück. Wie sonst ist es zu erklären, dass man häufig hektisch nach einem Dach über dem Kopf sucht, obwohl der Wetterkasper im Fernsehen doch gesagt hat, es würde heute nicht regnen?
Mich selbst hat die Kunst der Wettervorhersage schon als kleines Kind fasziniert. In unserem Haus stehen und hängen allerlei Thermometer, Hygrometer, Barometer und noch ein gutes Dutzend anderer –meter, die ich neben den Blick in den Himmel gerne zu Rate ziehe, um herauszufinden, was ich denn nun anziehen soll, bevor ich mich in die Urgewalten der Elemente begebe. Ich finde es immer beinahe magisch, was man alles anhand von Druckunterschieden, Windrichtungen und Wolkenformen herausfinden und vorhersagen kann. Ich habe mir sogar ein Fachbuch gekauft!
Letztlich bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass ich all das gar nicht brauche. Für meine ganz persönliche und zugegebenermaßen örtlich recht stark begrenzte Meteorolüge brauche ich keine Meter irgendwelcher Art, auch keine kleine Wolkenkunde oder Kompassrose. Alles, was ich brauche, ist ein Vorhaben. Ich gebe mal ein Beispiel.

Der diesjährige Sommer gefällt mir mal so richtig. Es ist warm, die Sonne scheint seit Wochen beinahe täglich, die Kleider wurden erfreulich kurz und meine Vitamin-D-Produktion läuft dermaßen effizient, dass ich auf Jahre hinaus versorgt wäre, könnte ich die Vitaminchen nur alle irgendwie speichern, vorzugsweise im erweiterten Hüftgürtel. Besonders hier oben im Norden zeichnet sich der diesjährige Sommer unter anderem durch einen markanten Regenwassermangel aus. Ich weiß, an anderen Orten sah das in den letzten Tagen und Wochen ganz anders aus, aber hier oben herrschte eine ziemlich kontinuierliche Dürre. Herrschte. Um das nochmal zu betonen.
Denn seit heute nimmt der Sommer ganz offensichtlich seinen Abschied, und all die Regengüsse, die wir in den letzten Wochen verpasst hatten, haben sich versammelt, um an einem einzigen Tag über unsere trockene Nordwelt herzufallen. Wie konnte das nur passieren? Leider muss ich zugeben, dass ich wohl selbst an dieser feuchten Misere Schuld bin. Offenbar kann ich das Wetter auf eine mir noch unbekannte und vollkommen unbegreifliche Art beeinflussen. Soweit ich es bisher rekonstruieren konnte, ist folgendes passiert:
Angesichts der andauernden trockenen Wetterlage hatten sich meine liebe Ehefrau und ich schon vor einigen Wochen entschieden, die Wäsche fürderhin an der frischen, warmen Luft im Garten zu trocknen. Eine Wäschespinne war schnell gekauft, die Wäsche gewaschen, nur das Aufstellen und Ausrichten der Wäschespinne bereitete mir gewisse Schwierigkeiten. Die Spinne wurde bisher mittels eines Schraubfußes in der Erde verankert. Die Erdschraube ließ sich auch problemlos einigermaßen gerade in die Erde drehen, sobald aber die Wäschespinne eingesetzt wurde, geschah erstaunliches! Mit jedem Stück Wäsche neigte sich die Wäschespinne erdwärts, drehte sich lustig im Kreise und weigerte sich standhaft, wenigstens annähernd gerade zu stehen. Mehrere Versuche mit verschiedenen Standorten in feuchter oder trockener Erde oder mit möglichst gleichmäßiger Gewichtsverteilung beim Aufhängen der Wäsche brachten keine Besserung. Immer wieder versuchte die Wäschespinne, an den Gänseblümchen zu riechen. Eine Lösung musste her. Und die fand ich in Gestalt einer Tüte Schnellbindemörtel aus dem Baumarkt. Ich grub ein stattliches Loch, platzierte die Röhre zur Aufnahme der Wäschespinne einigermaßen mittig, richtete das gute Stück mittels Braun’scher Wasserwaage aus und goss den verbliebenen Raum mit Beton in rauen Mengen aus. Innerhalb weniger Minuten war der Beton ausgehärtet, und das Rohr stand festgemauert in der Erden.
Das war gestern. Heute könnte lieb Frauchen also die Wäsche aufhängen, ohne sich zu sorgen, dass die Hosen über den Rasen kratzen. Und was passiert? Es regnet in Strömen! Zufall?
Ich denke nicht. Denn wie ich hier sitze und diese Worte zu elektronischem Papier bringe, wird mir eines bewusst: Immer dann, wenn ich etwas tue, in dessen Folge ich schönes, trockenes Wetter gebrauchen könnte, wird es unweigerlich und mit hundertprozentiger Sicherheit junge Hunde regnen. Das ist Gesetz!
Sobald wir damit fertig sind, die Fenster im ganzen Haus geputzt zu haben, wird es innerhalb weniger Minuten anfangen zu regnen!
Immer, wenn mein Auto gerade frisch gewaschen und poliert ist, wird es regnen, noch bevor ich den Wagen unter dem schützenden Dach des Carports geparkt habe!
Sobald ich aufgrund bester Witterung einen Grillabend plane, wird es an besagtem Tag Bindfäden regnen!
Bisher kannte ich diese Art des Wettermachens nur vom Hörensagen und von anderen Leuten. In meiner Kindheit wohnte ich auf dem Dorf, und vor unserem Haus lag eine schöne, große, grüne Wiese, die allsommerlich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen von einem Bauern mit Traktor und Mähwerk frisiert wurde. Pünktlich zwei Tage später, als das Heu beinahe perfekt gewesen wäre, hat es in Strömen geregnet. Immer! Das ganze Dorf hatte sich schon darauf eingestellt, selbst Grillabende, Familienfeierlichkeiten und Dorffeste wurden auf das Auftauchen des Bauern mit dem Mähwerk abgestimmt. Aber dass ich selbst einmal meteorologischer Aushilfsschamane sein würde, hätte ich mir nie träumen lassen.
Nun, die Fenster sind geputzt, das Auto war bis vor ein paar Stunden noch sauber und die Wäschespinne stünde, wenn meine Frau die Wäsche rausgehängt hätte, mit Sicherheit schnurgerade und bombenfest. Vielleicht kommt der Sommer ja noch mal zurück. Es kann ja schließlich nicht ewig regnen…

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