Montag, 16. Mai 2016

Abenteuer Staubsaugen!

Ach, wie freut man sich doch immer, wenn man nach eines langen Tages Mühen die heimatliche Scholle erreicht, wo einen die treu liebende Ehefrau in einem behaglichen, sauberen Haus mit Abendessen, dem einen oder anderen geistigen Getränk und viel Wärme empfängt.
Aber schon viele Männer mussten die Erfahrung machen, dass sich so ein Haus nicht von alleine sauber macht. Man(n) muss da schon selbst Hand anlegen. Und natürlich bin ich hinsichtlich des Rollenmodells in der Hausarbeit eher von der modernen Sorte, was bedeutet, dass ich tatsächlich bei Gelegenheit den Müll rausbringe oder auch mal die Geschirrspülmaschine ausräume, wenn ich gerade zufällig mal Zeit habe. Warum meine Frau das dann jedes Mal mit Freudentänzen feiert, bleibt mir allerdings ein Rätsel…  
Dieser Tage war es dann mal wieder so weit, dass ich mich an den täglichen Hausarbeiten willentlich, freiwillig und ohne Zwang beteiligte, bat mich doch mein liebstes Eheweib von allen eindringlich, einmal kräftig und überall durchzusaugen. Mach ich doch gerne!
Im Wohnzimmer und den daran angrenzenden, der gesamten Familie vorbehaltenen Räumen wie Bad, Küche, Flur und Esszimmer war das Staubsaugen auch gar kein Problem. Ich möchte gar sagen: Routine! Und so ging mir die Arbeit, auch aufgrund des Einsatzes eines modernen, kaum zehn Jahre alten Staubsaugers der Premiumklasse, leicht von der Hand. Ich kurvte mit einer Lässigkeit und Leichtigkeit saugend durch das Haus, dass ich mich an meiner eigenen Coolness hätte erkälten können, wäre ich nicht so ein eisenharter Kerl! Als Ouvertüre wurde das Erdgeschoss bis in die letzten Ecken vom Staube befreit, die Kür führte mich dann ins Obergeschoss, quasi auf das Sonnendeck, wo Schlafzimmer, ein geräumiger Flur und ein weiteres kleines Bad absolut professionell, effektiv und schnell vom allgemeinen Staube befreit wurden. Mensch, was war ich stolz auf mich! Das musste ich dann auch gleich meiner Frau mitteilen und zeigen, worauf sie lächelte, mich an der Hand nahm und zum Zimmer meiner Tochter führte. Ach ja, Prinzessin Tausendschön hat ja auch noch ein Zimmer. Aber das war ja kein Problem! Ich räumte kurz mehrere Dutzend Quadratmeter Decken, Tücher und ähnlichen Klimbim vom Boden, schob zwei Herden Pferde und Einhörner unter das Bett und stapelte getragene Kleidung in verschiedensten Formen und Farben zu einem schicken Klamottenberg auf dem Schreibtischstuhl. Den Rest durfte Madam „Ichhabdochsehrschönaufgeräumt“ selber machen. Jedenfalls konnte ich jetzt mit meinem Freund, dem Staubsauger, über den Boden rennen und das hübsche Muster der Auslegeware wieder sichtbar machen. Nur wenige Minuten, nachdem mich meine Frau in das Zimmer unserer Tochter geführt hatte, war mein Werk getan und ich fühlte mich nun mehr als berechtigt, zur Belohnung den Rest des Tages auf dem Sofa zu verbringen, wo ich zu rekonvaleszieren gedachte. Wieder lächelte meine Frau unergründlich, wieder nahm sie mich an der Hand und führte mich dieses Mal nach oben. Ich erschauerte, als sie flüsterte: „Das war noch nicht alles!“ Mit diesen Worten stieß sie die Tür zur Hölle des Staubsaugens auf. Wir haben da ja auch noch einen Sohn, der auch ein eigenes Zimmer hat. Wie konnte ich das nur vergessen?
Auf dem Fußboden tobte eine Schlacht! Dort hinten vor der Heizung wartete ein Segelschiff voller Piraten, dass ihnen lohnende Beute ins Netz ginge. Daneben standen sechs schwere Raumkreuzer im erbitterten Gefecht, hier kämpften Horden wilder Legomännchen erbarmungslos gegeneinander, dort schickte sich ein Containerschiff an, mutig die Weltmeere zu kreuzen. Dazwischen eine schier unüberschaubare Menge an Autos, Lastwagen, Traktoren und ein riesiger Mähdrescher, der offenbar von einem großen Hai bedroht wurde. Das Zimmer unseres Prinzen „Dasdarfabernichtabgebautwerden“ bot alles auf, was die lebendige Fantasie eines Achtjährigen nur aufbieten kann! Und nein, das durfte, nach dem erklärten Willen unseres Thronfolgers, in der Tat alles nicht, gar nicht, nie und nimmer und auf gar keinen Fall abgebaut werden!
Aber ich sollte doch saugen. Mein Dilemma war komplett. Wie die Auslegeware entstauben, ohne Piratenschiff, Raumkreuzer, Automobile, Flugzeuge, Helden und Opfer durcheinander zu bringen? Wie den Staubsauger durch Heldengeschichten, Schlachtengetümmel und Paraden steuern, ohne die Ordnung zu stören?
Auf Zehenspitzen durchmaß ich das Gesamtkunstwerk unseres Geschichtenerzählers, bis ich zum Bett kam. Ich stellte mich drauf, um mir aus dieser überhöhten Position einen besseren Überblick über die Gesamtsituation zu machen. Die Bauwerke und Schlachtordnungen sollten nicht kaputt gehen? Nun, ich war bereit, diese Herausforderung anzunehmen!
Im Türrahmen stand lauernd schon der Staubsauger, und seine bisher noch stumme Bodendüse schien mich voller Tatendrang anzuschauen! Ich betrachtete meinen Arbeitsbereich, blendete die Kunstfertigkeit in diesem Werk aus, und konzentrierte mich ganz auf meine Aufgabe. Von der Tür aus gab es einen kleinen Bereich von vielleicht zwei Fuß Breite und ebenso viel Länge. Hier konnte ich wenden, vielleicht zunächst nach rechts, entlang des Bettes, langsam, damit das Raumschiff in seiner vorteilhaften Abfangposition blieb. Dann eine leichte Linkskurve, vorbei an der Horde bunter Legokrieger, die augenscheinlich auf dem Weg zum Piratenschiff war. Vorsicht, hier lagen viele Kleinteile herum! Hinter der Horde in einem leichten Rechtsbogen, der sich nach hinten spitz zuzieht, auf den nächsten Schlachtkreuzer zu, der an einem großen Lastwagen hing. Hier eine Dreiviertelwende auf dem Teller, grob in Richtung Piratenschiff. Auch hier war Vorsicht geboten, denn vor den Playmobilfiguren lagen bereits Fässer, Schwerter, Steinschloßpistolen und glitzernde Diamanten und Golddublonen im „Wasser“!
In diesem Stil durchquerte ich in Gedanken das gesamte Zimmer, plante meine Saugstrecke, verwarf den einen Plan, favorisierte den nächsten, durchdachte Umleitungen und Wendemöglichkeiten.
Es war zweifellos eine große Aufgabe, die ich da hatte. Nach einer guten Stunde heftigen Planens und Überlegens bahnte ich mir den Weg hinaus, um einen Block und einen Bleistift zu holen. All die Wege konnte ich mir einfach nicht merken! Dafür brauchte der kluge Hausmann schon geeignete Hilfsmittel. Solcherart ausgerüstet begann ich also ein zweites Mal, meinen saugenden Weg durch das Land von Lego und Playmobil zu planen. Ich zeichnete die Umrisse der einzelnen Werke und Hindernisse ein, vermerkte Kleinteile (soweit erkennbar) und Besonderheiten. Dann zeichnete ich eine mögliche Route ein, bewertete und verwarf sie, zeichnete eine zweite, veränderte hier und verlängerte dort, radierte wieder aus und zeichnete neu ein. Nach etwa zwei Stunden heftiger Planung hielt ich ein Papier in den Händen, das zu mindestens neunzig Prozent grau war und keinerlei Details mehr erkennen ließ. Ich brauchte eine neue Idee.
Wieder stieg ich auf Zehenspitzen vorsichtig über ungezählte Kleinteile hinweg und wanderte ins Erdgeschoss. Hier öffnete ich die Tür zur Haushaltskammer und schnappte mir meinen guten, alten, borstigen Besen, um dann gemessenen Schrittes wieder in unseres Sohnes Kammer zu gehen. Jetzt mussten Resultate her! Das dauerte mir hier alles schon viel zu lange!
Stundenlanges Überlegen, gründliche Planung und jede Menge Hirnschmalz kulminierten in einer Orgie des Fegens! Ungeachtet ihrer brillanten Konstruktionsmerkmale, ungeachtet ihrer Herkunft von Legoland oder Playmobilien, ungeachtet auch ihrer Ausrichtung und Positionierung im Gesamtkunstwerk, fegte ich nun alles, aber auch wirklich alles, in eine einzige, kleine Ecke des Kinderzimmers, stapelte mit dem Besen Raumschiffe auf Legomännchen, Playmobilpiraten auf Mähdrescher und Lastwagen auf Gold, Silber und Geschmeide. Der Schweiß floss, und ja, nicht nur ich, auch mein schlechtes Gewissen regte sich vehement. Aber hier wurden höhere Ziele verfolgt! Der Teppich musste gesaugt werden! Der Staub musste weichen! Alles, was ich für Prinz „IchbaumirmeineWelt“ nun noch tun konnte, war, dafür zu sorgen, dass auch nicht das winzigste Bauteil im Schwarzen Loch des schrecklichen Staubsaugers landen würde. Und ich fegte voller Hingabe, ich fegte die Raumschlacht ins Vergessen, das Piratenschiff in Grund und Boden und die Schlachten der Horden einfach hinweg. Platz! Platz brauchte ich, um endlich den Teppich saugen, dem Staub den ultimativen Kampf ansagen, der Sauberkeit Platz machen zu können. Ich fegte sogar unter Schrank und Kommode, und Prinz „Warumhastdudasalleskaputtgemacht“ würde sich freuen über all die Bauteile, die ich dort aus dem Vergessen ins Hier und Jetzt beförderte. Dann, als ich alles auf einen bunten Haufen gekehrt hatte, stieg ich noch einmal auf das Bett und ließ meinen Blick schweifen über endlose, leere Teppichweiten. Nein, nicht ein kleinstes Teil war mir entronnen! Ich hatte sie alle erwischt! Jetzt endlich konnte ich den Staubsauger über die Steppe des Teppichs jagen. Der Motor heulte auf, die Bodendüse schlürfte emsig und endlich (nach so viele Stunden!) war der Teppich sauber! Stolz erfüllte meine Brust! Und doch spürte ich auch einen Stich. Ja, der Teppich war sauber. Aber all die Geschichten! Die Schlachten! Die Dramen! Die filigranen Bauwerke, die großartigen Raumkreuzer, die Schiffe, Laster und Flugzeuge! Sie waren dahin, zerstört, kaputt! Sohnemann würde außer sich sein, wenn er das sieht!
Aber, so überlegte ich, war das nicht eher eine große Chance, statt einer Tragödie? Waren Lego und Playmobil nicht eigentlich dafür gedacht, immer neue Geschichten, immer neue Welten entstehen zu lassen? War es nicht das, was Ole Kirk Christiansen, der Erfinder der Legosteine, und Hans Beck, der Vater des Playmobils, eigentlich gewollt hatten? Der kindlichen Fantasie Raum geben?
Ich würde mich mit Prinz „IchbaueeinSchiffFlugzeugRaumkreuzer“ vor diesen riesigen Haufen voller Möglichkeiten setzen und mit ihm gemeinsam ein Kunstwerk nach dem nächsten bauen, neue Geschichten, neue Heldentaten, neue Dramen. Gleich heute Abend! Wenn er mich lässt…

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